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Differenzierung in Beziehungen, wie geht das?

  • Autorenbild: Malin
    Malin
  • 8. Mai
  • 3 Min. Lesezeit
Unterschiede in Beziehungen

Du bist du - und ich bin ich

Differenzierung ist die Fähigkeit, einerseits zu wissen, wer ich bin - und andererseits, dass du anders bist als ich. Zu erkennen, dass du anders fühlst, anders denkst, anders entscheidest - und das nicht als Problem zu behandeln, das gelöst werden muss.

Kennt man eigentlich. Wer in ein fremdes Land reist, findet die Andersartigkeit zunächst faszinierend; andere Gewohnheiten, andere Kommunikation, andere Regeln, spannend und bereichernd. Aber wer länger bleibt, kennt auch das andere Gefühl: Irgendwann fangen die Eigenarten an zu nerven. Man möchte, dass Dinge so funktionieren wie zuhause. Dass Menschen so kommunizieren, wie man es gewohnt ist. Der Blick verändert sich, aus Neugier wird Ungeduld.

In Beziehungen passiert genau dasselbe. Am Anfang ist die Andersartigkeit des/der anderen das, was fasziniert - wir sind neugierig, interessieren uns dafür. Aber je näher uns jemand steht - Partner*in, Eltern, Kinder, enge Freund*innen - desto schneller kippt Faszination in Irritation. Nach einer Weile nervt, was früher interessant war. Und irgendwann fangen wir an, daran zu arbeiten - aber nicht an uns selbst, sondern an der anderen Person: wir wollen sie ändern. Diese drei Dinge bekomme ich auch noch hin!

Dieser Wunsch ist übrigens sehr menschlich - und selten aus böser Absicht. Aber es macht einen großen Unterschied, wohin er führt.

Die eine Richtung: Du musst anders werden. Du musst die Dinge so sehen und so machen wie ich. Das ist der Moment, in dem aus einem persönlichen Unbehagen ein Auftrag an die andere Person wird.
Die andere Richtung: Es ist manchmal schwierig für mich, dass du das anders siehst oder anders machst. Aber das ist mein Problem - nicht deines. Das ist Differenzierung. Nicht weil man das eigene Erleben wegdrückt, sondern weil man es bei sich behält, statt es als Forderung weiterzugeben.

In den allermeisten Situationen ist meine Ungeduld mit deiner Andersartigkeit tatsächlich mein Problem. Aber es gibt auch Fragen, bei denen es wirklich nur so oder so geht: Kinder ja oder nein. Monogamie oder nicht. Bestimmte Werte, die für mich nicht verhandelbar sind. Hier hilft Differenzierung nicht dabei, den Unterschied wegzuarbeiten - aber sie hilft dabei, klar zu sehen, was wirklich da ist. Statt jahrelang zu hoffen, dass der andere sich doch noch ändert.

In Liebesbeziehungen ist das übrigens recht gut erforscht: Die Verliebtheitsphase dauert im Schnitt zwischen sechs und 18 Monaten. Dann setzen wir die rosarote Brille ab - und stellen fest: Da gibt es ein paar Dinge, die ich eigentlich schwierig finde.

Differenzierung ist dabei keinesfalls Gleichgültigkeit. Sie ist Neugier - die Bereitschaft zu fragen: Wie ist das für dich? Was steckt hinter deiner Sichtweise? Was kann ich über dich lernen, das ich noch nicht weiß?

Hinzu kommt: Wir alle verändern uns. Wir sind anders als vor fünf Jahren. Wenn wir diese Veränderungen nicht kommunizieren, erfragen, begleiten, werden sie uns entgehen - und so entfremden wir uns, ohne es zu merken.

Differenzierung ist die Voraussetzung dafür, dass Nähe auf Dauer möglich bleibt. Denn wenn der Raum, in dem man sich wohlfühlt, immer kleiner wird - wenn man sich nicht mehr zeigen kann, wie man wirklich ist - dann ist irgendwo die Differenzierung verloren gegangen.

Das Handout unten geht dieser Frage nach: Was bedeutet Differenzierung konkret, warum wird sie in engen Beziehungen so schwer - und was kann man üben, um den eigenen inneren Boden wiederzufinden.


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