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Warum Verstehen allein nichts ändert - Verhalten wirklich verändern

  • Autorenbild: Malin
    Malin
  • 24. Juli
  • 5 Min. Lesezeit


Warum Verstehen allein nichts ändert

Jemand sitzt mir gegenüber und hat bereits sehr genau rekonstruiert, woher ein Verhalten kommt: die Konfliktvermeidung stammt aus einer Kindheit, in der Streit gefährlich war. Die Bindungsangst lässt sich auf eine frühe Erfahrung von Verlassenwerden zurückführen. Der Perfektionismus erklärt sich aus einem Elternteil, dessen Anerkennung an Leistung gekoppelt war. Die Erklärung ist oft richtig, manchmal beeindruckend genau, und trotzdem ändert sich anschließend nichts. Das Muster taucht in der nächsten Woche wieder auf, unverändert, nur jetzt mit einer guten Geschichte im Gepäck.

Dahinter steht eine Annahme: Wenn ich erst verstehe, warum etwas so ist, wie es ist, wird sich daraus die Veränderung ergeben, dann werde ich mich auch anders verhalten können. Das Verstehen wird zur eigentlichen Arbeit erklärt, und das Verhalten selbst zur bloßen Konsequenz, die sich schon einstellen wird, sobald die Ursache geklärt ist.

Die Vergangenheit erklärt, sie öffnet keine Tür

Diese Annahme verwechselt zwei völlig unterschiedliche Vorgänge. 1. Der eine ist die kausale Rekonstruktion: Woher kommt das? 2. Der andere ist die Verhaltensänderung: Was mache ich jetzt anders? Zwischen beiden besteht keine notwendige Verbindung. Man kann die Ursache eines Musters vollständig verstanden haben und trotzdem exakt so weitermachen wie vorher, weil das Verstehen selbst keine Handlung ist. Es ist erstmal nur ein Gedanke, eine kognitive Leistung, die im besten Fall Mitgefühl mit sich selbst ermöglicht, aber keine Übung, kein neues Verhalten, keine gemachte Erfahrung.

Forschung (Julian Rotter und Bernard Weiner) zeigt, dass die entscheidende Frage nicht ist, ob jemand eine Ursache kennt, sondern wie diese Ursache eingeordnet wird. Wird sie als stabil und unveränderlich erzählt, wirkt sie eher lähmend als befreiend. „Ich bin so, weil meine Mutter so war" kann eine Erklärung sein, die Raum für Übung schafft, oder eine Erklärung, die endgültig klingt und genau deshalb nichts in Bewegung bringt. Das Verstehen der Ursache entscheidet diese Richtung nicht von selbst. Es kann in beide Richtungen kippen, und in meiner Erfahrung kippt es überraschend oft in eine fatalistische Richtung, weil eine gut erzählte Kindheitsgeschichte psychologisch befriedigender ist als eine unfertige, unbequeme Übung in der Gegenwart.

Derselbe Fehler in die andere Richtung

Dieselbe Verwechslung passiert nicht nur, wenn Menschen die eigene Vergangenheit erklären. Sie passiert ebenso, wenn Menschen versuchen, einem anderen Menschen zu erklären, warum er sich ändern sollte. Die Struktur ist identisch: Verstehen wird als der eigentliche Wirkfaktor behandelt, und die Erwartung ist, dass aus einer gelungenen, gut begründeten Erklärung beim Gegenüber von selbst der Wille zur Veränderung entsteht. Diese Erwartung ist genauso unbegründet wie bei der Selbsterklärung. Ob der Partner versteht, warum sein Verhalten verletzend ist, sagt noch nichts darüber aus, ob daraus eine Motivation entsteht, sich anders zu verhalten. Deci und Ryan haben mit ihrer Selbstbestimmungstheorie gezeigt, woraus intrinsische Motivation tatsächlich entsteht: aus Autonomieerleben, Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit. Ein gutes Argument liefert keines von diesen dreien.

Bei der Fremderklärung kommt sogar noch ein zusätzlicher Mechanismus hinzu, der aktiv gegen Veränderung arbeitet. Menschen reagieren mit Widerstand, sobald sie den Eindruck haben, in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt zu werden, ein Phänomen, das als Reaktanz beschrieben wird. Eine besonders überzeugende Erklärung verstärkt diesen Widerstand eher, als ihn abzubauen, weil die Überzeugungskraft selbst als Druck erlebt wird. Der Versuch, im Recht zu sein und den Partner mit der besseren Argumentation zu überzeugen, führt fast immer dazu, dass sich der andere verteidigt, statt sich zu öffnen. Je überzeugender die Erklärung, desto größer mitunter der Widerstand dagegen.

An dieser Stelle lohnt sich noch eine Unterscheidung, die die Sache genauer macht. Es gibt zwei Arten von Verstehen. Das eine ist das Verstehen der Herkunft, warum ist etwas so geworden, wie es ist. Das andere ist das Verstehen der Bedeutung, warum wäre eine andere Handlung für mich selbst sinnvoll. Nur das zweite hat überhaupt eine Chance, in Richtung eigener Motivation zu wirken, weil es an eigene Werte und Ziele anknüpft, während das erste reine Kausalerklärung bleibt und mit der Frage, was ich jetzt will, gar nichts zu tun hat. Wer in der Herkunftserklärung stecken bleibt, ob bei sich selbst oder in der Erklärung an einen anderen gerichtet, hat oft das Gefühl, damit schon etwas über die Zukunft gesagt zu haben. Das ist ein Trugschluss, der beide Richtungen gleichermaßen betrifft.

Warum die Ursachensuche so attraktiv ist

Warum stecken so viele Menschen so viel Energie in die Ursachensuche, obwohl sie selten zur versprochenen Veränderung führt? Eine mögliche Antwort: Verstehen fühlt sich sicherer an als Handeln. Die Vergangenheit ist abgeschlossen, sie kann einem nicht mehr wehtun, und die Beschäftigung mit ihr verlangt keine Konfrontation mit der eigenen Unsicherheit im Hier und Jetzt. Eine neue Handlung dagegen ist ungewiss, sie kann misslingen, sie setzt einen der eigenen Unbeholfenheit aus. Die Archäologie der eigenen Geschichte kann so, ohne dass es beabsichtigt ist, zu einer sehr eleganten Form von Vermeidung werden. Man arbeitet an sich, ohne sich der eigentlichen Aufgabe zu stellen.

Ähnliches gilt für die Erklärung an den anderen gerichtet. Wer viel Energie in die perfekte Formulierung steckt, mit der der Partner endlich verstehen soll, kann darin auch eine Form von Aufschub finden. Solange die Erklärung noch nicht gut genug war, muss man sich noch nicht mit der eigentlich unbequemeren Frage befassen, was man selbst konkret anders tun könnte, unabhängig davon, ob der andere sich ändert oder nicht.

Das erklärt auch, warum das Verstehen so oft mit einem Gefühl von Fortschritt einhergeht, das täuscht. Nach einer guten Stunde, in der ein Muster endlich Sinn ergibt, entsteht eine Erleichterung, die sich wie Bewegung anfühlt. Aber Erleichterung ist kein Beleg für Veränderung. Sie ist ein Gefühl, das im Kopf entsteht, während im Verhalten noch nichts passiert ist.

Was tatsächlich verändert

Das Konzept der Selbstwirksamkeit liefert einen entscheidenden Gegenpunkt. Menschen ändern ihr Verhalten nicht, weil sie eine Ursache kennen, sondern weil sie die Erfahrung machen, eine konkrete Handlung selbst erfolgreich ausgeführt zu haben. Diese Erfahrung entsteht ausschließlich durch tatsächlich vollzogenes Handeln, im Idealfall in kleinen, machbaren Schritten mit einem sichtbaren Ergebnis. Wer die Ursache seiner Konfliktvermeidung zehnmal neu und immer präziser erklärt bekommt, hat am Ende zehn gute Erklärungen und keine einzige Erfahrung, dass er ein schwieriges Gespräch tatsächlich führen kann. Diese Erfahrung ist der eigentliche Wirkfaktor, nicht die Genauigkeit der Ursachengeschichte.

Auch die Bindungsforschung stützt diesen Punkt, wenn auch aus anderer Richtung. Zu wissen, dass das eigene Bindungsmuster unsicher vermeidend geprägt ist, verändert an sich noch nichts an der Beziehungsgestaltung. Verändert wird nur dort, wo im Kontakt mit einem anderen Menschen tatsächlich neues Verhalten geübt wird, wiederholt, auch wenn es sich zunächst falsch anfühlt.

Was das bedeutet

Das bedeutet nicht, dass die Frage nach dem Warum wertlos ist. Sie kann Mitgefühl ermöglichen, sie kann einen Kontext liefern, in dem eine Person sich selbst weniger verurteilt. Aber sie ist der Anfang eines Prozesses, nicht sein Ziel, und das gilt für den Blick auf sich selbst genauso wie für den Versuch, einen anderen Menschen zu verstehen oder zu überzeugen. Sobald die Ursache einigermaßen klar ist, verschiebt sich die eigentlich entscheidende Frage: nicht mehr, warum ich vermeide oder warum der andere sich so verhält, sondern welches konkrete Verhalten diese Woche geübt wird, in der eigenen Reichweite, unabhängig davon, ob der andere sich dadurch bewegt. Die Ursache erklärt die Schwierigkeit. Sie ersetzt nicht die Übung.

 
 
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